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Herausforderungen mit Multikulturalität

Artikel in der Südtiroler Wirtschaftszeitung, März 2023
14 March 2023 by
Herausforderungen mit Multikulturalität
vival.institute Srl, Ruth Gschleier

ARBEITSKLIMA – Quer durch alle Branchen setzen sich inzwischen die Belegschaften vieler Betriebe aus Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammen. Irritationen und Konflikte sind da vorprogrammiert, genauso aber auch die Chancen.

Bozen – Südtirol ist auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen, darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Da sind Spannungen vorprogrammiert, da der Mensch evolutionsbedingt die Nähe zu dem sucht, was ihm vertraut ist: Was wir kennen, vermittelt uns Sicherheit. Fremdem und Unbekanntem dagegen begegnen wir eher mit Vorsicht. 
Unternehmen tun daher gut daran, die Kultursensibilität – also eine aufgeschlossene Haltung unterschiedlichen Kulturen gegenüber – ihrer Mitarbeitenden zu fördern. Andernfalls entstehen schnell soziale Dynamiken, die das Betriebsklima beeinträchtigen. Hohe Fluktuation, niedrige Identifikation mit dem Betrieb und verringerte Produktivität sind nur einige der Folgen von derartigen Konflikten.

Herausforderungen für Unternehmen

Fehlende Sprachkenntnisse fallen schnell auf: Wenn einfache Anweisungen nicht oder fehlerhaft verstanden werden, leidet darunter schnell die Sicherheit und Zusammenarbeit im Betrieb. Viele Unternehmen fördern daher Sprachkurse in mindestens einer der zwei Landessprachen. 
Weniger offensichtlich, aber noch weitreichender ist der Einfluss kultureller Eigenheiten, besonders wenn sie mit der Wahrnehmung von Respekt und Wertschätzung verbunden sind. So unterscheidet sich der Kommunikationsstil verschiedener Länder teils deutlich: In Deutschland und Nordeuropa steht die Sachebene im Vordergrund, demgemäß sind Anweisungen und direkte Aufforderungen (z. B. „Bitte mach das bis ...“) durchaus üblich. Italien und andere südeuropäische Länder legen mehr Wert auf die Beziehungsebene und pflegen eine ausgeprägte Lob- und Komplimentkultur.

Wie kulturelle Feindbilder entstehen

Respekt und Wertschätzung werden in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich wahrgenommen und empfunden. Fehlt eine differenzierte Betrachtung, entstehen schnell kollektive Feindbilder: „Wir deutschsprachigen Südtiroler sind fleißig, strukturiert und effizient. Wir diskutieren nicht lange, sondern tun“, so unser kollektives Selbstbild. „Die Italiener dagegen reden nur herum, halten sich nicht an Abläufe und improvisieren dann im letzten Moment“, bringt es dagegen das Fremdbild auf den Punkt. 
Auch auf der Gegenseite verfestigen sich ähnliche Bilder: Italiener:innen sehen sich als auf gute Beziehungen achtend, kultiviert und gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchend. Deutsche werden im schlimmsten Fall als respektlos, unhöflich und rigide, pedantisch auf Regeln bedacht wahrgenommen. Die Haltung dahinter auf beiden Seiten: Wir sind gut/im Recht, die anderen schlecht/im Unrecht. 
Je weiter diese Dynamik fortschreitet, desto schwieriger wird die Zusammenarbeit, da jede Seite die verbalen Äußerungen und das nonverbale Verhalten abwertet und negativ interpretiert. Die Konflikte werden zwar meist auf der Sachebene ausgetragen, sie beeinträchtigen aber schnell die Zusammenarbeit und kosten Ressourcen, zeitlich wie finanziell. 
Tragfähige Lösungen entstehen erfahrungsgemäß oft erst dann, wenn beide Seiten die verschiedenen Kommunikationsstile und die kulturellen Unterschiede als kontextbezogene Ressource wahrnehmen und sich auf die positiven Aspekte der jeweils anderen Seite fokussieren. Und dabei erwerben die beteiligten Personen interkulturelle Kompetenzen: die Fähigkeit, die eigene Kultur zu reflektieren und mit einer wertschätzend neutralen Haltung auf andere zuzugehen.

Multikulturell oder interkulturell?

Multikulturalität ist ein Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen in einem sozialen System (z. B. in einem Unternehmen) ohne gegenseitige Beeinflussung. Interkulturalität bedeutet, den eigenen Blickwinkel zu kennen und gleichzeitig die fremde Perspektive ohne vorschnelle Schlüsse zu erkunden. Über den offenen Austausch entsteht Beziehung und Vertrautheit, welche über neue und oft unkonventionelle Lösungen die Grundlage für eine produktive Zusammenarbeit darstellt. 
Je enger Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenarbeiten, desto wichtiger werden gemeinsame Lösungen. So kann man sich – um nur ein Beispiel zu nennen – in einem Betrieb darauf einigen, dass streng gläubige Muslime ihren Respekt Frauen gegenüber statt mit Handschlag durch eine angedeutete Verbeugung ausdrücken, sofern dies beide Seiten als positiv erleben. 
Unternehmen tun gut daran, diese Form der Interkulturalität zu fördern, wenngleich in Südtirol die Vorbehalte aufgrund der historischen Begebenheiten traditionell hoch sind. Doch Kultur – egal ob gesellschaftlich, betrieblich oder familiär – ist keine Konstante, sondern stets im Wandel. Eine wertschätzend neutrale Haltung anderen Lebens- und Arbeitsweisen gegenüber erzeugt eine wohlwollende Arbeitsatmosphäre, erleichtert die Zusammenarbeit und stärkt den Fokus auf betriebliche Ziele und Standards. Und dies gilt es zu fördern.

Raum für Begegnung

Begegnung im Arbeitskontext kann auch in einem informellen Rahmen stattfinden: Wenn sich Menschen innerhalb oder auch außerhalb der Firma treffen und austauschen, fördert dies Nähe und Verständnis. Die jährlichen Betriebsfeiern eignen sich gut dafür, auch kulturelle Akzente z. B. hinsichtlich Kulinarik zu setzen und sich über Sitten und Gebräuche auszutauschen. 
Sind verhärtete Positionen zwischen den Kulturen bereits wahrnehmbar, können Formate wie Teamtage für den gesamten Betrieb mit Großgruppenmethoden aus Coaching und interkultureller Mediation dazu beitragen, sich mit eigenen und fremden Werten und Verhaltensmustern auseinanderzusetzen. Tief verankerte Feindbilder dagegen sind erfahrungsgemäß schwieriger und am ehesten über klar strukturierte und moderierte Prozesse zu bearbeiten. 
Präventive Maßnahmen sind besonders erfolgversprechend. Dazu zählt eine kultursensible ethische Haltung der Betriebsleitung genauso wie das offene Ansprechen der relevanten Themen bereits bei der Aufnahme von neuen Mitarbeitenden. Klarheit von Anfang an über die Werte, Normen und Regeln im Betrieb beugen Konflikten vor. Wissend, dass es keine Patentlösung gibt, sondern jeder Betrieb eigener Lösungen bedarf.

Schulungen für Vorgesetzte

Den größten Einfluss auf das Wohlbefinden im Betrieb hat der oder die direkte Vorgesetzte. Während leitende Angestellte meist über eine hohe Reflexionsfähigkeit und gute Sozialkompetenzen verfügen, sind besonders im produzierenden Gewerbe Vorgesetzte wie z. B. Vorarbeiter:innen oder Führungskräfte technischer Bereiche wenig geschult in der Führung von Mitarbeitenden und dem Umgang mit Personen anderer Kulturkreise. 
Herrscht also ein rüder und despektierlicher Umgangston in der Produktionshalle oder auf dem Bau, steigen Fluktuation und Abwesenheiten. Um angesichts des Fachkräftemangels den Personalstand zumindest aufrechtzuerhalten und auch mit ausländischen Subunternehmen langjährige und erfolgreiche Arbeitsbeziehungen aufzubauen, sind gezielte Schulungen für Vorgesetzte hilfreich.

Chancen von Interkulturalität

Interkulturalität und Multikulturalität sind in Südtirol vorwiegend negativ konnotiert. Schade, denn so verstanden wie oben beschrieben, stärken sie unsere Identität über eine vertiefte Reflexion unserer Werte und Kulturgebundenheit. Genauso wie sie über den Perspektivenwechsel Arbeitsbedingungen schaffen, die auch andere in ihrer kulturellen Identität berücksichtigen. Was letztendlich uns allen zugutekommt, indem sich – wenn es gelingt – das Arbeitsklima grundsätzlich verbessert. 
Wenn wir anderen Menschen mit Wertschätzung begegnen und uns mit ihren Werten, Ansichten und kulturellen Konzepten ernsthaft beschäftigen, vermittelt dies Respekt. Dieser Respekt nützt auch uns selbst, denn respektiert wird nur, wer diesen Respekt auch selbst lebt. 
Daneben erwerben wir über diese Auseinandersetzung neue Kompetenzen, die unseren Betrieben auch im internationalen Wettbewerb zugutekommen: Wer andere Kulturen versteht, reagiert besser und schneller auf Veränderungen und stärkt seine Marktposition. Nutzen wir die Chance.


Ruth Gschleier

DIE AUTORIN ist systemische Supervisorin, Coachin, Mediatorin und Vizepräsidentin der Unternehmensberater im hds.


Herausforderungen mit Multikulturalität
vival.institute Srl, Ruth Gschleier 14 March 2023
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