Die moderne Welt ist in Bewegung, Unsicherheiten nehmen zu: Die eine Krise kaum überwunden, explodieren die Energiepreise, die Inflation steigt, die geopolitische Lage beunruhigt. Was hilft in unruhigen Zeiten?
Die moderne Welt ist ständig in Bewegung. Pandemie, explodierende Energiepreise, Lieferverzögerungen und Materialengpässe verunsichern die Wirtschaft. In einer Welt, die geprägt ist durch hohe Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (VUKA), ist Innovation ein Erfolgsfaktor. Und dazu braucht es engagierte und motivierte Menschen, die den Betrieb aktiv voranbringen.
Fachkräftemangel, Resignation und sinkende Identifikation mit dem Betrieb
Aber wie sieht es mit den Personalressourcen in den Unternehmen aus? Mit einem Wort: prekär. Der demografische Wandel schlägt inzwischen voll durch: Die geburtenstarken Jahrgänge scheiden mit all ihrem Wissen und Know-how aus dem Arbeitsleben aus, junge Fachkräfte fehlen. Mehr Arbeit ist von immer weniger Arbeitstätigen zu bewältigen. Und schon allzu lange gleichen viele Betriebe den Personalnotstand mit jenen aus, die noch da sind, überlange Arbeitstage sind die Folge. Da kommen nicht nur jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Schluss, dass eine geringere Wochenarbeitszeit zu einer höheren Lebensqualität führt – und setzen auf geregelte Arbeitszeiten oder gar Teilzeit. Und zwar nicht nur die Generation Z, sondern zunehmend auch die Mittvierziger, die Freizeit und Familie genießen oder angemessene Regenerationszeiten wünschen. Und somit für die Betriebe nicht mehr wie gewohnt zur Verfügung stehen. Oder gar kündigen, denn gleichwertige Arbeitsstellen sind derzeit in vielen Bereichen leicht zu finden. Eine Herausforderung für die Unternehmen.
Gelingende Beziehungen gestalten
Da Innovation angesagt, meist durch Veränderungen bewährter Praxis parallel zu den laufenden Arbeitsprozessen: Produktionsprozesse werden automatisiert, Abläufe digitalisiert, Strukturen verändert. Und nur allzu oft gilt das Hauptaugenmerk den Sachprozessen, während die Beziehungsprozesse nahezu unberücksichtigt bleiben: Wann ist wer wie zu informieren und einzubeziehen? Welche zusätzlichen Kompetenzen und Unterstützungsangeboten werden gebraucht? Wie verändern sich die Arbeitsbeziehungen, wo gibt es Ziel- und Interessenskonflikte? Wer Veränderungsprozesse gemeinsam mit den Betroffenen plant und umsetzt, hat eine deutlich höhere Erfolgsquote, gerade auch bei Digitalisierungsvorhaben. Und erhöht daneben auch Handlungsspielräume und Eigenverantwortung in der Belegschaft, also Mitdenken, Mitmachen und Mitgestalten, kurz: eine gute Team- und Führungskultur.
Konzentration auf das Wesentliche und gezielter Ressourceneinsatz
Unsere Wirtschaft ist auf Wachstum ausgelegt, alles andere scheint als Misserfolg. Doch steigende Umsätze sind bekanntlich nicht zwangsläufig mit steigenden Gewinnen gleichzusetzen. Gerade kleinere Betriebe verlieren hier schnell den Überblick. In Zeiten knapper Personalressourcen sind klare Prioritäten und der Fokus auf das Kerngeschäft wesentlich für den langfristigen Erfolg: Welche Projekte stehen im Vordergrund, wenn die Zeit knapp ist? Welche Aufgaben sind zu erledigen, auch wenn der Zuständige abwesend ist? Klingt logisch. Und doch ist immer wieder festzustellen, dass es das Management verabsäumt, diesbezügliche Entscheidungen zu treffen und jene Prioritäten zu setzen, die der Belegschaft psychologische Sicherheit bieten und effizientes Arbeiten ermöglichen.
Flache Hierarchien, sachlich fundierte und schnelle Entscheidungen fördern Innovation und Konkurrenzfähigkeit. Realistische Ziele, die von den Menschen als wichtig und sinnvoll erkannt werden, erhöhen die Motivation und Eigenverantwortung. Sinn stiften ist hier die Devise, also Antworten auf die Fragen: „Was ist der Sinn meiner Tätigkeit?“ „Warum existiert das Unternehmen?“ „Was würde fehlen, wenn es dieses nicht gäbe?“ „Welches Ziel verfolgt der Betrieb?“ „Wozu ist diese Veränderung erforderlich?“ Für Mitarbeitende, die am Unternehmenssinn mitarbeiten, erhält Arbeit eine neue Bedeutung und wird zu etwas Besonderem, für das sich ihr Einsatz lohnt. Denn nicht nur für die Generation Z gewinnt eine nachhaltige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung an Wichtigkeit.
Arbeit hält gesund
Bei Diskussionen um die Qualität der Arbeit stehen oft einseitig Belastungen und Risiken im Vordergrund. Ziel von guter Arbeit ist es demnach, Belastungen zu verringern, Risiken zu vermeiden und Schäden zu verhindern. Aber was wäre, wenn wir uns als Unternehmen ein positives Ziel setzen, also Arbeit konsequent so gestalten, dass sie nicht nur dem Betrieb, sondern jedem einzelnen Menschen einen Mehrwert auch im Sinne der Gesundheit bringt? Klingt erstmal unrealistisch. Doch ist z.B. wissenschaftlich gut belegt, dass Arbeitslosigkeit einen der relevantesten krank machenden Faktoren darstellt. Im positiven Sinne dagegen ist Arbeit körperlich und geistig anregend, bietet soziale Beziehungen und Integration, erweitert die unterschiedlichsten Kompetenzen und ermöglicht eine aktive Teilnahme an der Gesellschaft. Wenn die wichtigsten gesundheitsförderlichen Voraussetzungen gegeben sind, wie z.B. angemessene Handlungsspielräume, soziale Unterstützung, handhabbare Anforderungen, klare Rollen und Aufgaben usw., sind Menschen grundsätzlich engagiert und motiviert, tragen gern Verantwortung und identifizieren sich mit dem Unternehmen. Statt auf die einseitige Kontrolle von Ergebnissen konzentrieren sich Unternehmen dann auf die Schaffung guter Arbeitsbedingungen und fördern damit den Erfolg, was wiederum motivierend wirkt. Utopie? Doch eher nicht, wenn wir bedenken, wie viele Menschen sich im Ehrenamt engagieren und dabei eine Einsatzbereitschaft an den Tag legen, von der manche Betriebe nur träumen können. Und dabei sich selbst und der Gemeinschaft Gutes tun. Gesunde Menschen in gesunden Betrieben. Denn Arbeitszeit ist Lebenszeit.
Zur Autorin
Ruth Gschleier ist Organisationsberaterin, Coach und Mediatorin. Als Gesellschafterin des vival.institute unterstützt sie Führungskräfte und Unternehmen in Hinblick auf LebensWerte Arbeit. Weitere Informationen unter: www.vival.institute