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Gesunde Arbeit zahlt sich aus

Artikel in der Südtiroler Wirtschaftszeitung, Dezember 2022
14. Dezember 2022 durch
Gesunde Arbeit zahlt sich aus
vival.institute Srl, Ruth Gschleier

BETRIEBLICHES GESUNDHEITSMANAGEMENT – Unternehmen können großen Einfluss auf die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden haben. Diese Chance gilt es auch zu nutzen: Sei es mit individuellen Weiterbildungen oder Seminaren zu gesundem Führen. Was derzeit besonders gefragt ist.

Bozen – Gesundheit ist spätestens seit der Pandemie eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und Arbeit ist nachweislich einer der wichtigsten Einflussfaktoren für individuelle Gesundheit und Krankheit. Unternehmen haben demnach einen großen Einfluss, den es zu nutzen gilt. Aber müssen sich Unternehmen um Gesundheit und Wohlbefinden der Belegschaft kümmern? Über die gesetzlich vorgesehenen Maßnahmen: nein. Aber es zahlt sich aus, zuallererst für sie. Doch wie?

Gesundheitsorientiertes Verhalten

Auf der individuellen Ebene nimmt Schulung und Weiterbildung der Mitarbeitenden einen zentralen Stellenwert ein, um gesundheitsorientiertes Verhalten zu fördern: Ein effizientes Zeitmanagement, sowie Stress- und Konfliktbewältigungs-kompetenzen unterstützen im Umgang mit der stetig ansteigenden Arbeitsverdichtung. Besonders Angebote für die mentale Gesundheit sind ein Trend mit Zukunft, waren doch die Herausforderungen für Mitarbeitende bedingt durch Homeoffice und psychische Belastungen während der Lockdowns sehr groß und in ihren Nachwirkungen auch heute noch deutlich spürbar, wie Studien gut belegen. 
Daneben erleichtern Kommunikations- und Sozialkompetenzen die Gestaltung guter Arbeitsbeziehungen, fördern ein gutes Team- und Arbeitsklima und stellen damit wichtige Ressourcen im Umgang mit belastenden sozialen Faktoren dar. Wissensvermittlung im Bereich Bewegung und Ernährung und entsprechende Angebote sensibilisieren die Belegschaft und fördern ein gesundheitsorientiertes Verhalten und damit die Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter. Und dies kommt den Menschen genauso zugute wie den Unternehmen, die auf ältere Mitarbeitende nicht verzichten können. Das Kistl voller Obst im Pausenraum reicht eben nicht, um gut zu arbeiten.

Gesund führen

Den größten Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden bei der Arbeit hat der direkte Vorgesetzte, das belegen verschiedene Studien. In diesem Bereich gibt es noch Handlungsbedarf, wenn wir auch nur an die Figur z.B. des Vorarbeiters im produzierenden Gewerbe denken. Diese verfügt in der Regel über hohe Fachkenntnis, aber nicht immer über die erforderliche Sozialkompetenz, um elementaren gesundheitsrelevanten Faktoren wie Lob, Anerkennung und Wertschätzung, Respekt und Unterstützung gerecht zu werden. Die Aussage „Die Menschen kommen für die Arbeit, und gehen wegen des Chefs.“, bringt die Auswirkungen gut auf den Punkt: eine höhere Fluktuation, wenig Identifikation mit dem Betrieb und in der Folge eine geringere Produktivität sowie – viel zu selten bedacht – eine niedrige Bindung der oft ausländischen Subunternehmen. Dem könnten Betriebe mit einer gezielten Personalentwicklung über Schulungen, Trainings und Begleitung gut entgegenwirken. Denn Führungskompetenzen sind grundsätzlich erlernbar, sofern der Bedarf erkannt und die erforderlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Gesunde Arbeitsbedingungen

Genauso sollten Betriebe immer stärker auf die Gestaltung der Arbeitsbedingungen achten, sind sie es doch, die belastend oder als Ressource wahrgenommen werden: Verfügen die Mitarbeitenden über den zeitlichen Handlungsspielraum, der es ihnen erlaubt, die verschiedenen Lebensbereiche gut in Einklang zu bringen? Oder über lebensphasenorientierte Arbeitsbedingungen, die den Bedürfnissen von jüngeren und älteren Beschäftigten Rechnung trägt? Also z.B. Müttern, Vätern und pflegenden Angehörigen mehr Flexibilität zugesteht bzw. an bedingt einsetzbare Mitarbeitende ihren Fähigkeiten entsprechende Anforderungen stellt. 
Immer mehr wird auch darauf geachtet, ob und inwieweit die Personalentwicklung dazu beiträgt, dass die Arbeitsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalten bleibt, z. B. über Job Rotation (systematischer Tausch von Arbeitsplätzen), Job Enlargement (zusätzliche Aufgaben als Ergänzung bisheriger Tätigkeiten mit entsprechender Kompetenzerweiterung) und Job Enrichement (neue, aber auf einer höheren Hierarchiestufe angesiedelte Aufgaben mit zusätzlicher Verantwortung und Entscheidungsbefugnis), welche die geistige Flexibilität und Veränderungsbereitschaft fördern. Gerade die Wichtigkeit angemessener Herausforderung wird erfahrungsgemäß in Bezug auf den Erhalt der mentalen und sozialen Leistungsfähigkeit deutlich unterschätzt: Wer zehn Jahre lang eine Routinetätigkeit ausführt, ist schon als 30-Jährige:r weniger bereit und fähig, die schnellen Veränderungen der heutigen Arbeitswelt zu bewältigen. Use it or lose it („Benutze es oder verliere es.“) gilt nicht nur für den menschlichen Bewegungsapparat, sondern auch für das Gehirn und die geistige Leistungsfähigkeit. Maßnahmen wie die oben genannten tragen nicht nur dazu bei, Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen bis ins hohe Lebensalter zu erhalten und zu fördern, sondern sind darüber hinaus von hohem gesellschaftlichem Nutzen, wenn sie auch als Vorbeugung z. B. vor Demenzerkrankungen oder des funktionalen Analphabetismus (Unfähigkeit, einen einfachen Text sinnerfassend zu lesen) erkannt werden.

Achtung, das birgt Sprengstoff

Arbeitsbedingungen im Betrieb so zu gestalten, dass sie den individuellen Bedürfnissen der Mitarbeitenden entgegenkommen, birgt aber durchaus Sprengstoff innerhalb der Belegschaft, in und zwischen Teams: Wie wird ein Unternehmen dem Prinzip der Fairness gerecht, wenn es Mitarbeitenden unterschiedliche Rahmenbedingungen gewährt? Wenn z. B. Ältere weniger, andere oder nur bestimmte Arbeitstätigkeiten verrichten als Jüngere? Arbeitszeiten anders gestaltet werden und von unterschiedlichen Orten aus gearbeitet wird? Wenn Mitarbeitende unterschiedliche technische und soziale Kompetenzen brauchen und einsetzen? Die flapsige Aussage „Tiat’s gschoffn, mir sein jo net im Kindergorten!“, ist für die Bewältigung solcher Konflikte nicht geeignet. Sondern es braucht geeignete Instrumente und Verfahren aus der Personal-, Team- und Organisationsentwicklung, inklusive einer klaren Ausrichtung des Unternehmens auf gemeinsame Ziele, Strategien und Werte.

Betriebliches Gesundheitsmanagement als Organisations- und Kulturentwicklung

Genau hier setzt auch das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) an: Ausgehend von einer genauen Auftrags- und Zielklärung erfolgte eine detaillierte Analyse zur Erhebung des Ist-Zustandes in Bezug auf die gesundheitsrelevanten Themen. Im Anschluss wird in einem strukturierten Verfahren die Belegschaft in die Ausarbeitung von möglichen Maßnahmen einbezogen: Was genau stärkt oder belastet im Betrieb? Und was genau können die Mitarbeitenden selbst an der Verbesserung beitragen (Verhaltensebene)? Und wo sollte der Betrieb die Arbeitsbedingungen verbessern (Verhältnisebene)? 
Die Betriebsleitung entscheidet über die Vorschläge und ergänzt sie bei Bedarf, am Ende dieses zirkulären Prozesses erfolgt die Evaluation, die möglichen weiteren Handlungsbedarf ergibt. BGM, so Organisationsentwicklung gedacht, verbessert die Unternehmenskultur, indem der Prozess einen Dialograum zwischen Menschen unterschiedlicher Hierarchieebenen – aber auf Augenhöhe – eröffnet. Und damit das Unternehmen selbst systematisch und strukturiert verbessert. 
Dadurch haben Unternehmen weniger krankheitsbedingte Abwesenheiten und damit einhergehende Kosten, höhere Produktivität durch gesunde, motivierte und innovative Mitarbeiter:innen, entlastete Führungskräfte durch Beteiligung und Selbstorganisation, attraktiverer Arbeitgeber und bessere Mitarbeiterbindung, um nur einige der Vorteile zu nennen. Wer Gesundheit im Betrieb groß schreibt, bedient daneben noch einen weiteren Trend: die Nachhaltigkeit. Arbeit kann – bei geeigneten Rahmenbedingungen – Menschen gesund und leistungsfähig erhalten, bis ins hohe Alter. Und damit leisten Unternehmen einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Mensch, Gesellschaft und Territorium. Nur gemeinsam werden wir die derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen meistern.


Ruth Gschleier

DIE AUTORIN ist systemische Supervisorin, Coach, Mediatorin, Unternehmensberaterin und Mitinhaberin der vival.institue GmbH.


Gesunde Arbeit zahlt sich aus
vival.institute Srl, Ruth Gschleier 14. Dezember 2022
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